„Wann müssen wir los? Schaffen wir das?“ Obwohl Caro mich zu beruhigen versuchte blieb ich nervös. In Berlin brauche ich eine knappe Stunde um zum Flughafen zu gelangen. Es erschien mir absurd lediglich 20 Minuten für die Bahnfahrt einzuplanen. Caro ließ sich darauf ein mich, das nervöse Monster, zum Flughafen Zürich zu begleiten. Und siehe da, es blieb massig Zeit! Also plauderten wir noch ein wenig über die Hochzeit am Vortag und ich versorgte mich mit den leckeren Sprüngli Pralinen.

Ein Werbestand in der Mitte aller Geschäfte amüsierte uns für die restliche Zeit. 100 Traditionen aus der Schweiz wurden dort auf großen Fotos und in Heften beworben. Die Nummer eins: Das Schwingerfest. Es war das repräsentativste Foto des Standes. Darauf abgebildet waren zwei Riesen, die sich gegenseitig fest in die Zange nahmen. Wir mussten beide lachen. Sie trugen komische Lederwindeln! Wir machten uns ein Scherz daraus wie es wäre uns das Ereignis anzusehen.

Zurück in Berlin besprach ich mit Caro nur noch die Einzelheiten. Denn schon auf dem Flughafen stand fest: Ich komme zurück für die kämpfenden Riesen! Caro kaufte Tickets und ich buchte die Flüge. So kam es, dass sich vier (Caro’s Schwester und eine Freundin waren ebenfalls dabei) Stadtfrauen zum Schwingerfest nach Burgdorf aufmachten.

Alle mit denen ich am Vorabend über das Schwingen geredet habe, wussten was es damit auf sich hat. Es wird in der Schweiz im Fernsehen übertragen und die meisten haben schon einmal zugesehen. Irgendwo in der Innenschweiz. In kleinen Dörfern und oft auch eher mal bei den Junioren. Denn das Schwingen ist hier oftmals schon in der Grundschule Teil des Lehrplans. Aber bei dem großen Eidgenössischen Schwingerfest war noch niemand. Da zapped man vielleicht einmal durchs Fernsehen. Aber man sieht es nicht aktiv. Nicht so wie ein Fußballspiel.

Und dennoch, alle drei Jahre kommen ziemlich viele Zuschauer zusammen um einen neuen König zu krönen. So heißt der Sieger eines Schwingerfestes nämlich auf ewig. König!

Also stellen wir unsere Wecker schon auf 5.15 Uhr, um am Morgen die Könige der letzten zwei Jahre gegeneinander Kämpfen zu sehen.

In der Bahn sitzen uns zwei ältere Herren mit von Wind gegerbter Haut gegenüber. Worüber sie reden verstehe ich nicht, denn mein Talent deutsche Akzente und Dialekte zu verstehen ist eher bescheiden.

Um 7.30 Uhr sind wir in Burgdorf und ganz stolz auf uns, denn alles ist ganz entspannt. Nicht zu viele Menschen. Wir marschieren mit einer Hand voll Anderer Richtung Arena. Sicher, dass wir ganz hervorragende Plätze bekommen. Die Schilder zum Stadion führen uns durch eine Wohngegend, die ähnlich verschlafen aussieht wie wir uns fühlen. Am Ende eines Pfades werden wir äußerst laut begrüßt, angeschrien: „Guten Morgen. Zur Arena dort entlang.“ Gleichzeitig werden uns von fünf verschiedenen Personen in einheitlichen Outfits Lagepläne entgegengestreckt.

Einige hundert Meter weiter stehen wir dann vor einer gigantischen Arena. „Erstaunlich, dass noch nicht allzu viele Menschen unterwegs sind“, geht mir durch den Kopf.

Als wir ein mal um die Arena herum gegangen sind finden wir unseren Eingang. Nachdem wir uns mit müden Beinen die Treppe hochgekämpft haben dämmert uns allmählich, wieso es bisher verhältnismäßig menschenleer und ruhig ist. Wir stehen vor einer Geschlossenen Wand. Einer Menschenwand. Mutig kämpfen wir uns den Weg die Tribüne hinunter und sehen eine Arena. Eine volle Arena!

Denn was wir unterschätzt haben ist, dass das Schwingen ein traditioneller Sport ist, der zumeist von Bauern oder Käsern ausgeübt wird. Und die sind Frühaufsteher! Die gesamten 52000 und dreizehn Plätze sind bereits beleg. Wir waren wohl die fehlenden vier Personen um die letzten Plätze zu füllen.

Wir blicken von unerwartet weiter Distanz auf sieben Sägemehlkreise mit sieben Jurys und sieben Schwinger Paaren. Blöd für Fotos … aber das sollte die Begeisterung nicht bremsen. Zu mindestens nicht zu Beginn. Als wir die Arena wieder hinunter kraxeln verstehen wir das ganze Ausmaß von 52000 Schwinger Fans! Es ist voll.

Überall muss man sich durchdrängen. Umstehend finden wir viele Zelte vor. Die Zelte der Schwingervereine und die mit den Lebendpreisen – ja die Schwinger erhalten Preise wie Bullen, Kühe oder Pferde – sind eher die Ausnahme.

Es handelt sich meist um Werbestände verschiedenster Firmen. Darunter Stände mit Glücksrädern, die Hoffnung auf eher wenig große und wenig interessante Gewinne machen oder aber Versicherungen, die uns mit einer Massage anlocken – ja, ich habe meine zweite Massage im Leben ebenso gut überstanden wie meinen zweiten Saunagang in Finnland.

Das Einzig wirklich interessante: Käse und Mandelkekse… Ich konnte mir den Bauch mit diversen Schweizer Käsesorten und zahlreichen Bären aus einem Mandelteig vollschlagen.

Es war klasse dabei gewesen zu sein, doch ein nächstes Mal wird es auf dem Eidgenössischen Schwingerfest nicht geben. Die Schwingertradition wurde durch den Kommerz um das Stadion herum einfach in den Hintergrund gedrängt. Spannender sind sicherlich die kleinen Schwingerfeste, von denen mir Bekannte erzählt haben. Die, die man zufällig in einem Dorf miterlebt. Einfach weil man gerade auch dort ist. Oder weil man von einer netten Dame eingeladen wurde… Vielleicht im Frühling dann 🙂

3 Comments

  1. Noch nie was vom Schwingen gehört :O Hört sich aber… interessant an 🙂

    • Hallo Anna, wenn man das mal sehen möchte kann ich nur empfehlen, es in kleinen Dörfern zu suchen. Die Veranstaltung war einfach zu groß

  2. Interessanter Bericht. Kenne das auch mit der ewigen Fahrt zum Flughafen hier in München…
    Und von Schwingen habe ich auch noch nie was gehört, obwohls ja anscheinend ein Volkssport in der Schweiz ist. Man lernt nie aus 😉

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *