Südamerika! Sechs Monate lang war ich nun dort. In dieser Zeit bin ich in den Genuss gekommen viele Ecken und Kanten kennen zu lernen. Diese waren nicht immer angenehm oder schön, doch sie gehörten dazu und haben Südamerika für mich zu einem interessanten Kontinent gemacht.

Menschen

– die Peruaner waren am interessantesten
– die Bolivianer der Anden waren am merkwürdigsten/härtesten
– die Brasilianer waren die herzlichsten

Nicht unbedingt alle Länder waren überfreundlich und super gastfreundlich. Doch wer diesen Preis gewonnen hat, sind mit Abstand die Brasilianer. In Brasilien habe ich die freundlichsten, wärmsten und nettesten Menschen in Südamerika kennengelernt. Auf der Straße wird einem immer weiter geholfen. Es wird einem immer ein Schlafplatz angeboten. Sie lachen gerne und feiern gerne. Ich liebe die Brasilianer!

– –
Es gibt eine Eigenschaft, die mich über den gesamten Kontinent hinweg in den Wahnsinn getrieben hat: Es ist unhöflich nicht weiterzuhelfen!

Das hört sich ja erstmal ganz nett an, doch das birgt auch gewisse Probleme. Bei einer simplen Informationsbeschaffung zum Weg, Öffnungszeiten oder Eintrittspreisen wird diese höfliche Sitte zu einer unangenehmen Manier.

Wissen sie den Weg nicht, kommt nicht etwa ein „Entschuldigung, ich kann ihnen nicht weiterhelfen“ sondern ein selbstbewusstes: „Gerade aus, am Ende der Straße rechts, anschließend nochmal rechts, die Nächste links und dann sind sie schon da. Sie brauchen etwa 5 Minuten!“ Zum Einen benötigt man für den beschriebenen Weg nie 5 Minuten sondern 20. Zum Anderen: die Wegbeschreibung ist falsch!

Wie wehrt man sich gegen solche Blindgänger? Man fragt 3-5 verschiedene Personen und nimmt daraus den größten gemeinsamen Nenner. Die Richtung stimmt dann schonmal.

– –
Generell kam ich mir vor wie in einem Schneckenhaufen. Die Menschen wimmelten um mich herum und trotzdem kamen sie zu nichts. Denn:

– alles dauert länger als man denkt.
– alle bewegen sich besonders langsam, wenn sie arbeiten.
– alles kommt später als vorhergesagt, Pünktlichkeit gibt es nicht.

Mit der Zeit habe ich mich auf die südamerikanische Mentalität eingestellt. Meine Geduld gegenüber langwierigen Prozessen und Unpünktlichkeit kennt kaum noch Grenzen.

– –
Frustrierend ist jedoch auch, wenn Menschen von einem Moment zum Anderen zu dummen Steinfiguren werden. Es ist wie ein Fluch, den eine uralte Hexe über sie gelegt hat. Um ihn auszulösen muss man sie nach etwas fragen, das sie nicht liefern können oder das vielleicht mit einer kleinen Anstrengung verbunden ist. Dann bewegen sie sich einfach nicht mehr. Sie starren mit leeren Augen an einem vorbei. Einfach so. Vielleicht schafft man es ihnen ein Achselzucken zu entlocken. Doch meistens bleibt es dabei. Das ist frustrierend und man möchte sie am liebsten schütteln. Gegen einen Hexenfluch hilft das aber leider auch nicht.

Busse

Auf den Galapagosinseln war eine Irin mit mir auf dem Boot, die ein Jahr in Peru gelebt hat. Sie warnte mich vor den südamerikanischen Bussen. Nicht etwa vor den chaotischen Fahrern, die um Ecken sehen können und genau wissen: „Da kommt kein anderes Auto um die Kurve. Ich kann hier ruhig auf der Gegenspur fahren.“ Oder vor gewissen Mitfahrern, die sämtliche Körperinhalte im Bus entlehren. Nein, sie gab mir einen guten Rat: „Mädchen, zieh dich warm an!“

Was soll ich denn damit anfangen? Es ist kalt? In Ecuador und Peru? An der Küste? Die spinnt doch! Wie recht sie hatte habe ich schnell herausgefunden. Die Busfahrer kühlen die Klimaanlage so weit herunter, dass man bei Außentemperaturen von 25 Grad eine Mütze, Thermostrumpfhosen, zwei Pullover und einen Schal benötigt. Irgendwann wurde mir dies zuviel Organisiererei und so kam einfach immer der Schlafsack mit in den Bus. Mein Schlafsack ist nämlich warm! Er hat eine Wohlfühltemperatur bis 0°C. Darin liess sich dann auch die halsbrecherische Fahrweise der Busfahrer ignorieren.

– –
In den Bussen gab es ein Ritual, dass mich zu Beginn noch ein wenig genervt hat. Gegen Ende meines Aufenthalts in Südamerika hätte man mir nur noch eine Tüte Popcorn in die Hand drücken müssen und ich wäre in perfekte Kinolaune gekommen.

Obwohl Jedem ein bestimmter Sitzplatz zugewiesen wurde, wurde dieser kategorisch ignoriert. Irgend jemand saß immer falsch. Und so haben sich die folgenden Mitfahrer ebenfalls auf die falschen Plätze gesetzt. Bis das Unvermeintliche passierte. Wie nach der Stechuhr, immer kurz vor Abfahrt, kam die eine Person in den Bus, die darauf bestand an dem ihr zugeordneten Sitzplatz platz zu nehmen. Und plötzlich setzt sich der gesamte Bus um! Dabei entstand ein Chaos von Armen, Beinen, Koffern und Köpfen. Ein Spektakel der Spitzenklasse und ich hatte immer einen guten Platz um es aus nächster Nähe verfolgen zu dürfen. Nur das Popcorn hat gefehlt!

Hostels

Manchmal kommt man in ein wirklich schönes Hostel. Alles sieht toll aus, inclusive Disney Bettwäsche. Doch ein Detail wurde einfach nicht mehr fertig gestellt, denn man kann ja schon darin wohnen. Wieso sollte man sich also die Mühe geben das Zimmer 100prozentig fertigzustellen?

Es war auch meistens nicht so schlimm. Doch wenn dieses Detail nicht etwa ein Loch in der Wand oder ein nur halb zusammengebautes Regal war, sondern die Dusche… dann hat dies elektrisierende Folgen.

Wieso sollte man eine Dusche komplett fertigstellen, wenn ein Provisorium auch funktioniert. Wieso sollte man sich die Mühe geben und alles ordentlich verkabeln? Der Strom kommt ja an und somit auch das Wasser. Leider kommt der Strom aber auch da an, wo er unerwünscht ist: nämlich in meinen Händen.

Bei Aufdrehen des Wassers bekam ich also einen Stromschlag. Gut, da lernt man dazu und betätigt die Dusche die nächsten Male nur noch mit FlipFlops in den Händen. Bis man auf einmal verdrängt, dass Wasser Strom leitet und den FlipFlop nicht sorgsam ins Trockene stellt….

– –
In einer Stadt in Ecuador ist mir etwas sehr dubbioses passiert.

Es war Sonntag Abend und kaum Turisten waren unterwegs. Aus dem Reiseführer habe ich mir ein Hostel ausgesucht und habe dort in ein Einzelzimmer eingecheckt. Es war etwas zugig aber sauber und ich wollte eh nur eine Nacht übernachten um am folgenden Morgen weiter zu ziehen. Als ich mein Zimmer öffnete kam ein Mann aus einem anderen Zimmer und schloss ab. Ich ging in mein Zimmer hinein und fand am nächsten Morgen einen unter der Tür hergeschobenen Zettel mit folgender Nachricht:

„Morgen suchst du dir ein gutes Hotel. Dies ist kein Hotel für so hübsche Mädchen wie dich. Danke für dein ‚Hola'“ Dabei lagen 20,- Dollar.

Als ich ihm das Geld zurückgeben wollte, sah ich nur ein leeres Zimmer vor mir. Da habe ich auf einmal das Zittern bekommen und habe schneller gepackt als ich eigentlich wollte. Manchmal frage ich mich immer noch ob es ein netter Hinweis gewesen ist oder ob er mir lediglich Angst machen wollte. Doch was hätte er davon gehabt? Er war ja bereits ausgecheckt, als ich ihm das Geld zurück geben wollte. Ein halbes Jahr später gehe ich immer noch davon aus, dass er einfach nett sein wollte. So verdient man sich 20 Dollar in einem Land, dass keine 20 Dollar zu entbehren hat.

Wie war es also?

Egal wie viele politische, soziale und strukturelle Probleme Südamerika auch haben mag, dieser Kontinent hat es mir einfach angetan. Zwischen Natur, Menschen und kulinarischen Abenteuern habe ich mich wohl gefühlt und werde definitiv für Mehr zurückkommen.

Hier die Fakten
– 169 Tage
– ca 27.068 km
– 15 Nachtfahrten
– 72 Betten

Lieblingsorte
– uyuni
– Torres del Paine & Umgebung
– Rio De Janeiro

10 Comments

  1. Da stecken ein paar interessante Beonbachtungen drin.
    Wann gibt es etwas ueber Kolumbien zu lesen?

  2. Herrlich! Ja, deine 6 Monate klingen nach meinen 6 Monaten – zumindest was die Erfahrung mit dem Nein-Sagen (nicht nur beim Fragen nach der Richtung) und dem Bus-Umsetzen angeht. Aber dass Letzteres bei dir ohne Murren abgelaufen ist, liest sich spannend: Bei mir gabs nicht nur stundenlange Diskussionen (ja, stundenlang!), sondern vor allem auch Gezeter. In Uruguay passierte es sogar einmal, dass ein Chilene gegen dieses System aufgemotzt hat – nicht gerade eine kluge Taktik, wenn man bedenkt, dass es sich um einen Bus voller Einheimischer handelte. „Raus! Geh wieder heim nach Chile“, war das Netteste, was ich gehört habe 😉 Immerhin gibt sowas aber Stoff für gute Geschichten, oder?! ;-))) Reise-Grüße – und schau auch mal auf http://littlemissitchyfeet.com

    • haha… ich kann mir gut vorstellen, dass bei einer solchen Gelegenheit gerne Patriotismus gezeigt wird. Danke für den Link zu deinem Blog. GEO-Audio ist echt spannend.

  3. Freu mich ueber all Deine Eindruecke in Suedamerika! Habe viel gelacht beim lesen und viele Fotos wieder erkannt! Und wie gefaellt es dir jetzt so in Neuseeland? Besos, Alexa

    • Ich denke jetzt schon darüber nach, was ich in Südamerika noch alles sehen möchte. Würde mich natürlich auch freuen, wenn ihr mich eines Tages auch besuchen kommt und ich euch ganz viel zeigen darf.

  4. Silvy wo bleibt der nächste Blogeintrag? 😉

  5. Mi è piaciuta l`armonia tra titolo e foto sottostante. Un abbraccio

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *